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Hi Leutz, nun ist es endlich soweit für die erste E-Mail aus Cape Town mit meinen ersten Eindrücken und Erlebnissen. Dienstag, 10. Januar, 05.30 Uhr: Unsere Maschine verlässt den Atlantischen Ozean und taucht langsam in die verschlafe Stadt ein, die für die nächsten drei Monate mein Zuhause darstellt. Ich verschlinge den letzten Happen von meinem Croissant und lasse meine Gedanken schweifen. Ich verabschiede mich vom europäischen Winter, tausche Winterjacke, Handschuhe und Snowboard gegen Badehose, Sonnencreme und Surfboard ein und freue mich auf Meeresfrüchte, frisches Obst und Gemüse und süd-afrikanischen Wein. Und da ist es auch schon soweit. Von den ersten Lichtstrahlen erfasst, taucht der Tafelberg vor uns auf. Wir fliegen geradezu in den Sonnenaufgang hinein und werden von dem Lichtermeer der Millionenstadt am Kap der Guten Hoffnung begrüßt. Die Schönheit und Einzigartigkeit des Sonnenaufgangs wird nur von der Bordstewardess mit ihrem noch schöneren und herzlicheren Lächeln übertroffen: Willkommen in der Regenbogen-Nation, willkommen in Kapstadt! Mittlerweile bin ich fast vier Wochen in Süd-Afrika und fühle mich schon längst zu Hause. Ich wohne zusammen mit Ficky und Wayne (afrikanische Mitarbeiter), Michaela und Benjamin (deutsche Freiwillige), Simone und Coz (holländisches Ehepaar), drei Hunden, einer Katze, 27 Ziegen, 13 Enten, 9 Schwänen, 3 Mäusen und 1329 Fliegen auf unserer kleinen Farm. Unser Haus liegt ca. 30km südlich vom Stadtzentrum, 2km vom nächsten Strand und 1,5km von unserer Arbeitsstelle entfernt. Nach der Arbeit sitzen wir oft bis spät in die Nacht hinein vor unserem Haus, grillen Geflügel, frischen Fisch und Obst, unterhalten uns über das Erlebte, teilen unsere Träume und Hoffnungen, genießen bei einem Glas süd-afrikanischen Rotwein den Sonnenuntergang und verabschieden einen neuen erlebnisreichen Tag mit Trommelwirbel und afrikanischer Musik. Unsere beiden afrikanischen Gastgeber sind wie meine Mitarbeiter, Freunde und Kollegen super offen, freundlich und hilfsbereit. Man nimmt sich Zeit für einander und ist zufrieden, mit dem was man hat. Diesen Lebensstil habe auch ich lieben und schätzen gelernt und wundere mich oft, auf wie viele Hilfsmittel man im Leben verzichten kann. So habe ich nach erstem Wiegen meines Gepäcks festgestellt, dass ich die 20kg Maximalgewicht um 6,5kg unterschritten hatte - und das für einen 3,5monatigen Aufenthalt. Die Kinder und Jugendlichen aus dem Township haben sich auf jeden Fall über die Milka-Schokolade und Jonglierbälle riesig gefreut, die dadurch noch zusätzlich mit durften. Und je mehr Zeit ich hier mit den Einheimischen verbringe, desto bewusster wird mir, dass die reichsten Menschen diejenigen sind, die mit dem Wenigsten auskommen können. Die Leute hier sprechen eine Sprache, die von jeder Kultur, Nation, Religion und "Rasse" verstanden wird. Sie wird von Kindern und Erwachsenen, von Gesunden und Kranken und von Tauben und Stummen gesprochen. Sie wird weder in Schule und Universität gelehrt, noch kann sie mit Geld gekauft werden. Sie verbindet die verschiedensten Menschen und konzentriert sich auf Gemeinsamkeiten anstatt Unterschiede. Sie symbolisiert eine Lebenseinstellung und Kommunikationsweise, die von keinen sprachlichen Barrieren und Missverständnissen eingeschränkt wird oder von Ort und Zeit abhängt. Egal wo man sich befindet - am Strand, auf der Straße oder in einem Supermarkt - man grüßt sich, lächelt sich an und wünscht sich gegenseitig einen schönen Tag. Ein freundliches Lächeln sagt mehr als tausend Worte. Und seit meiner Ankunft hier in Süd-Afrika weiß ich auch, was es wirklich bedeutet. Ich habe noch nie so oft und lange gelacht, wie in den letzten Wochen und Tagen. Es ist nur schade, dass wir, die westlichen Industrieländer mit unseren tollen Erfindungen und Technologien, diese Sprache mehr und mehr verlernen. Wir sitzen hinter unseren Computern, Laptops, iPots, Handys, Playstations und Spielkonsolen und verlieren die Fähigkeit, mit unseren Mitmenschen zu kommunizieren. Die Individualität der lokalen Lebensmittelläden wird durch internationale Supermarktketten abgelöst. Für ein kurzes Gespräch mit der Verkäuferin bleibt keine Zeit mehr. Stattdessen wird man von einem der Angestellten "begrüßt", der sich aufgrund des Einheitslooks nur durch das vergoldete Namensschild zu identifizieren lässt. Spricht man diesen unverhofft mit seinem Namen an oder grüßt einen Unbekannten in der Stadt, so wird man gleich als abnormal und seltsam abgestempelt. Wie angenehm ist es da nur, wenn man hier in Kapstadt über den Markt schlendert und sich über solche Dinge keine Gedanken machen muss. Je andersartiger man sich gibt und aussieht, desto mehr lieben einen die Leute. Und da steht man als Europäer in einem farbigen Township ganz oben auf der Liste. Man wird überall mit offenen Armen empfangen. Des öfteren muss ich mich wegen dieser unbeschreiblichen Gastfreundschaft und Offenheit gegenüber uns Europäern wundern. So waren doch die weißen Kolonialherren aus dem Westen für so viel Hass, Gewalt und Zerstörung verantwortlich, dessen Nachwirkung noch weit in das 21. Jahrhundert deutlich sein werden. Dies wurde mir erst wieder am Wochenende bei dem Besuch des District Six Museums deutlich. Die Zwangsumsiedlung der Einwohner dieses Viertels durch den Group Areas Act im Jahr 1966 hat Geschichte geschrieben. Zu dieser Zeit wurde District Six mit Bulldozern platt gemacht und die farbige und schwarze Bevölkerung vertrieben und in Ghettos außerhalb der Stadt angesiedelt. District Six sollte aufgrund der guten Lage der weißen "Rasse" vorbehalten werden, was in dem Museum durch Hinweisschilder wie "Europeans only" oder "For use by white persons only" verdeutlicht wird. Bis vor einiger Zeit waren selbst noch Strände, Bänke und Einkaufszentren strikt nach Hautfarbe getrennt. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass auch heute nach dem Untergang der Apartheid diese Einteilung im Unterbewusstsein der Leute noch verankert ist. Dies wird vor allem durch die Aufteilung in weiße, farbige und schwarze Viertel bzw. Townships deutlich. Ich selbst arbeit in Lavender Hill, einem farbigen Township am Rande von Kapstadt. Momentan sind wir noch in der Planungsphase der einzelnen Programmen. Ich werde vor allem bei verschiedenen Jugendprogrammen mitwirken und diese zum Teil planen und selbst durchführen. Auf dem Plan stehen diverse Life Skills, Nachmittagsprogramme, HIV und Aids Aufklärung und die Ausbildung von Jugendlichen zu Freiwilligen und Jugendarbeitern. Viele Programme finden in Zusammenarbeit mit den lokalen Schulen statt und werden auf dem Schulgelände und den Örtlichkeiten von der New World Foundation angeboten. Seit Anfang letzter Woche habe ich mein eigenes Office mit Internetzugang und bin also wieder regelmäßiger per E-Mail zu erreichen. Zusätzlich könnt ihr auch per Post oder Telefon Kontakt aufnehmen: New World Foundation |